Sprachlernklasse

  1. Darstellung der IST-Situation an der Oberschule Weener (16.04.2016):

An der Oberschule Weener gibt es derzeit 32 Schüler und Schülerinnen, die aus verschiedenen Ländern nach Deutschland gekommen sind und zum großen Teil keine oder nur unzureichende Deutschkenntnisse aufweisen. 9 dieser Schülerinnen und Schüler sind nicht alphabetisiert. Die Schüler/innen werden zurzeit durch 3 Lehrkräfte mit Einzel- oder Kleingruppenunterricht in die Deutsche Sprache eingeführt. Es stehen dabei insgesamt 13 Lehrerstunden pro Woche zur Verfügung, die auf die drei Gebäude der Oberschule Weener verteilt sind. Dabei sind die Kinder im Alter von 10 bis 13 Jahren den Klassen 5 und 6 im Gebäude II zugeordnet, die älteren Kinder bei Vorliegen geringer früherer Schulbildung werden im Gebäude III unterrichtet, so dass sie dem Regelunterricht der Hauptschulklassen zugeordnet werden können. In wenigen Fällen liegt eine sehr gute frühere Schulbildung mit guten englischen Sprachfähigkeiten vor. Diese Kinder sind dem Realschulbereich in den Klassen 7 bis 10 je nach Alter zugeordnet.

Der Sprachunterricht in Kleingruppen mit durchschnittlich ca. 3 Stunden pro Woche pro Kind ist speziell auf die Unterstützungsbedürfnisse der einzelnen Schüler zuge­schnitten. Er wird parallel zum Fachunterricht durchgeführt. Da die zur Verfügung stehenden Stunden mit dem weiteren Unterricht der Lehrkräfte im Regelunterricht kombiniert werden müssen, kann nur vereinzelt dafür gesorgt werden, dass die Schüler/innen in sprachlich anspruchsvolleren Fächern, die hohe Sprachfähigkeiten erfordern, aus dem Unterricht herausgenommen werden, in Fächern wie Sport und Kunst aber in der Klasse verbleiben.

Diese wenigen Stunden der Sprachförderung und die Überforderung der Schüler und Schülerinnen, in der restlichen Zeit in der Regelklasse zurecht zu kommen, stellen keine optimale Form der Förderung dar. Eine Gewährleistung der Chancengleichheit kann nur durch eine verbesserte Form der Sprachförderung erreicht werden.

 

  1. Ziel: Verbesserung der sprachlichen und fachlichen Förderung durch eine Sprachlernklasse

Kindern und Jugendlichen mit geringen oder keinen Deutschkenntnissen, die neu nach Deutschland zugewandert sind, soll ein Bildungserfolg ermöglicht werden.

Durch einen intensiven Sprachkurs in der Sprachlernklasse sollen die Kinder auf den Unterricht in der Regelklasse vorbereitet werden, die ihrem individuellen Lern- und Leistungsstand entsprechen. Die Zusammenfassung der Kinder in der Sprachlernklasse ermöglicht zusätzlich, dass schon frühzeitig Fachunterricht z.B. in Biologie und Erdkunde erteilt werden kann, da hier Rücksicht auf die geringen Sprachkenntnisse aller Schüler/innen genommen wird.

Der Sprachunterricht selbst wird wesentlich intensiviert, weil durch die Zusammenlegung der Schüler/innen in einer Klasse die vorher verteilten Stunden gebündelt werden können. Ziel ist es, die mündliche und schriftliche Sprachfähigkeit zu erwerben. Dies ist die Grundlage, um in allen Unterrichtsfächern in das neue Schulleben integriert werden zu können.

Damit wird den Schüler/innen nichtdeutscher Herkunftssprache das Erreichen der Bildungsabschlüsse ermöglicht, die ihren Fähigkeiten und Leistungen entsprechen. Eine gelungene schulische Integration ist die Basis für eine gesellschaftliche Integration.

 

  1. Planung der Sprachlernklasse – erste Konzeptüberlegungen

An der Oberschule Weener gibt es bereits eine ausgebildete DaZ-Lehrkraft. Darüber hinaus ist eine Lehrkraft erfahren im DaZ-Unterricht für Erwachsene im Rahmen der Volkshochschule. Besondere fachliche Fähigkeiten liegen bei den Lehrkräften vor, die zum Teil langjährig den DaZ-Unterricht in Kleingruppen an dieser Schule unterrichtet haben. Weitere Teilnahme an Fortbildungen sind geplant.

Für jedes neu ankommende Kind muss zuerst eine Einzelbetreuung möglich sein, um die vorhandenen Kenntnisse in Sprache und Schrift zu ermitteln. In diesem ersten Aufnahme-Gespräch wird für jedes Kind ein Datenblatt angelegt, auf dem alle wichtigen Informationen zum Stand der Sprachkenntnisse, aber auch zum Umfeld des Kindes zusammengetragen werden. Die Kontakte zur Familie, zum Betreuer und zu notwendigen Dolmetschern werden ebenfalls hier dokumentiert. (siehe Anlage)

Im Rahmen dieses ersten Kennenlernens werden auch die Eltern, Betreuer und zuständigen Dolmetscher zu einem ersten Gespräch eingeladen. Vorrangig geht es darum, möglichst viel über die bisherige Lebenswelt des Kindes zu erfahren. Die Erläuterung des Konzeptes der Sprachlernklasse und die Vorbereitung des Übergangs in die Regelklasse werden seitens der Schule zu Kernpunkten des Austausches.

Nach dieser Eingangsphase wird das Kind in die Sprachlernklasse und in eine altersgemäße Regelklasse übergeben. Eine Bildung von zwei SLK-Klassen hat den Vorteil, dass in einer Klasse die Kinder mit geringem Alphabetisierungsgrad zusammengefasst werden könnten. Kinder, die noch nicht viel Zeit in einer Schule verbracht haben und mit dem Schreiben von Buchstaben noch nicht vertraut sind, kommen in einem gemeinsamen Unterricht mit Kindern, die bereits über eine langjährige Schulausbildung verfügen, oft zu kurz.

 

  1. Darstellung der Organisation der Sprachlernklasse
    1. Anzahl der Stunden und inhaltliche Schwerpunkte

Für eine Sprachlernklasse stehen 30 Stunden zur Verfügung. Maximal 18 Stunden davon stellen den Förderunterricht in Deutsch dar und werden von der Klassenlehrerin bzw. dem Klassenlehrer erteilt, so dass hier eine sehr gute Beziehung aufgebaut werden kann. In der Alphabetisierungsgruppe finden weitere 6 Stunden in der Sprachlernklasse statt, ein Fachunterricht ist noch nicht vorgesehen. Sechs Stunden verbleiben für den Unterricht in der Regelklasse. In den fortgeschrittenen Gruppen der Sprachlernklasse werden von den weiteren 12 Stunden im ersten Halbjahr je 2 Stunden für Mathematik und Englisch auf einem einfachen sprachlichen Niveau vorgesehen. Im zweiten Halbjahr kommen weitere 4 Stunden für den Fachunterricht in Biologie und Erdkunde dazu. Diese werden von Fachlehrkräften erteilt, die sich auf die geringen Sprachkenntnisse der Schüler/innen einstellen können. Die jeweils verbleibenden Stunden werden in der Regelklasse in möglichst wenig sprachintensivem Unterricht verbracht.

    1. Verzahnung der Sprachlernklasse mit dem Unterricht in den Regelklassen

Nach Möglichkeit sollen die Kinder von Anfang an am Unterricht der Regelklasse, möglichst in den Fächern Sport, Musik, Kunst, Werken und Textiles Gestalten, teilnehmen. Dies dient einer frühen Integration in ihre spätere Klasse. Erleichtert wird ihnen dieser Schritt durch die Hilfe einer Patin / eines Paten aus der zukünftigen Klasse. Falls es möglich ist, werden Sprachpaten bevorzugt, die die Muttersprache des zugezogenen Kindes sprechen. Außerdem sollen die Schüler/innen der SLK möglichst bei Aktivitäten der Regelklasse, wie z.B. bei Ausflügen mit einbezogen werden. Die Teilnahme an den Aktivitäten der Regelklasse soll dann Vorrang haben. Für die Gestaltung der einzelnen individuellen Stundenpläne der Kinder muss eine gute Zusammenarbeit zwischen dem Klassenlehrer/der Klassenlehrerin der SLK und dem Klassenlehrer/ der Klassenlehrerin der Regelklasse stattfinden.

Der Besuch der Sprachlernklasse umfasst im Regelfall ein Schuljahr. Da es aber individuelle Gründe gibt, von dieser Regelung abzuweichen, kann die Zeit auch verkürzt oder verlängert werden. Über diese Verlängerung beschließt die Klassenkonferenz der SLK unter Zusammenarbeit mit den Fachlehrern der Regelklasse, die das Kind unterrichtet haben. Grundlage ist dabei die Dokumentation des Leistungsstandes in den ILE-Bögen. Im zweiten Halbjahr kann der Anteil der Stunden in der Regelklasse je nach Leistungsstand und Sprachfähigkeiten des Schülers / der Schülerin erhöht werden.

    1. Unterricht in der Sprachlernklasse

Eine Sprachlernklasse stellt eine stark heterogene Lerngruppe dar, denn die Schüler/innen kommen aus unterschiedlichsten Ländern und Kulturkreisen mit verschiedenen Herkunftssprachen. Diese Kinder sollen jetzt alle zusammen lernen. Dazu kommt, dass die Kinder in verschiedenen Alters- und Entwicklungsstufen sind und auch im Lern- und Leistungsverhalten stark voneinander abweichen. Unterricht in einer solchen Klasse erfordert eine weitgehende Binnendifferenzierung innerhalb der Lernsituationen.

Im Zentrum des Unterrichts der Sprachlernklasse steht der Sprachunterricht, der mit Hilfe eines Lehrwerks und zusätzlichen Materialien, die je nach Leistungsstand und Alter des Kindes ausgesucht werden, durchgeführt wird.

Wir werden die Herkunftssprachen der Kinder einbeziehen. Dazu sind Wörterbücher in der Herkunftssprache der Schüler/innen angeschafft worden. Mit Hilfe des Internets und den vorhandenen Tabletts können weitere Medien für den Sprachunterricht und Sprach- bzw. Übersetzungshilfen herangezogen werden.

Ziel der Sprachlernklasse ist es auch, dass die neu angekommenen Schüler /innen sich in diesem für sie fremden Land einleben. Sie müssen in ihrer neuen Klasse ankommen und sich ins Schulleben integrieren. Es darf nicht vergessen werden, dass diesen Kindern und Jugendlichen oftmals jegliche Schulerfahrung fehlt. Daher muss am Anfang viel Zeit für das Einüben schulischer Prinzipien eingeplant werden. Dies schließt u.a. ein: Pünktlichkeit, das Erledigen von Hausaufgaben, selbstständiges Arbeiten, das Einhalten von Klassen- und Schulregeln und die Anwendung von verschiedenen Arbeits- und Sozialformen.

Auch die europäische Kultur ist für viele Kinder noch sehr fremd und muss erst kennengelernt werden. Diese Kulturkunde ist größtenteils mit dem Sprachunterricht vermischt und wird auch in den Lehrbüchern entsprechend des sprachlichen Fortschritts eingebunden.

Eine weitere Belastung für den Unterricht besteht darin, dass die Schüler und Schülerinnen mit psychischen Problemen zu kämpfen haben. Viele sind monatelang geflüchtet und haben traumatische Erfahrungen hinter sich. Hieraus ergeben sich Aufgaben für die Klassenlehrer/innen dieser besonderen Klasse, die Zeit für empathische Gespräche aufbringen müssen und auch die Einbeziehung des Schulsozialarbeiters bzw. der Betreuungslehrerin.

  1. Übergang in den Regelunterricht mit weiteren Hilfsangeboten

Der Spracherwerb in Deutsch als Zweitsprache ermöglicht es den Schüler/innen nach einem Jahr in der Sprachlernklasse in die Regelklasse überzugehen. Die Klassenkonfe­renz der DaZ-Klasse gibt ein entsprechendes Votum ab oder weicht mit einer Begründung durch individuelle Besonderheiten von diesem Übergang ab.

Die Grundlage für die Entscheidung der Klassenkonferenz sind die monatlichen Dokumentationen in den ILE-Bögen, die speziell für Sprachlernklassen von der Niedersächsischen Landesschulbehörde zur Verfügung gestellt wurden.

Die Klassenlehrer/innen in den Regelklassen und die Fachlehrer/innen, die das Kind unterrichtet haben, werden in die Entscheidung mit einbezogen. Die Klassenkonferenz der SLK beschließt dann das Vorgehen.

Weitere spezielle Sprachförderungen der Kinder in den Regelklassen sollten möglichst auf den Nachmittagsbereich im Ganztag gelegt werden, damit der Fachunterricht der Regelklasse von dem Schüler / der Schülerin vollständig für das fachliche Lernen genutzt werden kann bzw. die einzelnen Interessengebiete der Schülerinnen und Schüler aus dem Fachunterricht als Stimulanz für das Sprachelernen genutzt werden kann.

Der Förderunterricht am Nachmittag soll eine gezielte Förderung der schriftlichen Ausdrucksfähigkeit beinhalten und sich auf den Aufbau des Fachwortschatzes und der Unterrichtssprache konzentrieren. Die Förderung der mündlichen Beteiligung durch Abbau von Sprachhemmnissen ist für den Unterrichtserfolg der Schüler/innen maßgeblich. Den Förderbedarf legt beim Übergang in die Regelklasse die Klassenkonferenz der SLK fest. Im weiteren Verlauf ist die Klassenkonferenz der Regelklasse für die Festlegung der Förderung verantwortlich, der Klassenlehrer der SLK sollte dabei hinzugezogen werden.

  1. Evaluation der SLK-Klasse und des Förderunterrichts

Besonders in der Einführungsphase eines neuen Konzeptes ist der Bedarf bezüglich der Abstimmung untereinander sehr hoch. Daher ist eine Evaluierung ¼-jährlich vorgesehen. Die Erfahrungen darüber, wie lange die Phase der Alphabetisierung benötigt, wie gut diese Kinder in der SLK zurechtkommen, wann der Übergang zu mehr Unterricht in der Regelklasse erfolgen soll und Fragen zum sozialen bzw. psychischen Kontext müssen zeitnah besprochen werden.

Gleichzeitig ist der Evaluierungstermin auch der Termin für die Besprechung der Lernfortschritte der einzelnen Kinder im Rahmen der ILE. Die Kolleginnen und Kollegen, die in der Fachkonferenz DaZ zusammenarbeiten, werden auch an der Aufgabe beteiligt, wie die Sprachförderung als Querschnittsaufgabe in allen anderen Fächern berücksichtigt werden kann. Hierzu ist vorgesehen, die Fachkenntnisse der Fachberater/innen mit in den Bildungsprozess einzubinden.