Theater im Container berührte Schüler (OZ vom 16.08.2017)

VERANSTALTUNG Auftakt zu Aktionstagen zur Flucht und Migration im Hafen von Weener

VON TATJANA GETTKOWSKI

WEENER – Es ist dunkel, die Luft ist stickig. Dicht gedrängt sitzen die Schüler der Oberschule Weener auf schmalen Bänken. Bequem geht anders. Doch bei dieser Theateraufführung gibt es ganz bewusst keinen Komfort. Ein Überseecontainer ist der ungewöhnliche Spielort für ein ebenso ungewöhnliches Theaterprojekt. „Passworte – wie Belal nach Deutschland kam“ heißt die Inszenierung des Theaters „Lokstoff“. Die Aufführungen gehören zum Programm der sozio-kulturellen Aktionstage am Hafen von Weener, die sich noch bis Mittwoch auf vielfältige Weise mit dem Thema Flucht und Migration beschäftigen. In dem Zwei-Mann-Stück erleben die Zuschauer die Anhörung aus der Perspektive eines „Einzelentscheiders“ vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge.

An den unterschiedlichen Spielorten wechseln sich sieben junge Afghanen ab, die bei dem Theaterprojekt mitmachen. Sebastian Schäfer spielte am Dienstag die Rolle des Übersetzers. Der 17-jährige Mahdi Ghalandan war diesmal in die Rolle des Belal geschlüpft und erzählte über das Leben vor und während der Flucht über 8000 Kilometer durch neun Länder. Er berichtet darüber, wie Bilal mithilfe von Passwörtern die Schlepper findet, die sein Schwager bezahlt hat, wie er die Fahrt im Kofferraum eines Fluchtwagens nur knapp überlebt und wie er im Aufnahmelager in Bulgarien immer wieder geschlagen wird. Die Fluchtgeschichte basiert auf wahren Begebenheiten. Viele schlimme Situationen, die die Schauspieler in der „Anhörung“ schildern, haben sie am eigenen Leib erlebt. „Zu Anfang war es schwer, weil eigene Erinnerungen wieder hochkamen“, sagte Mahdi Ghalandan nach dem Stück. Inzwischen habe er sich an die Rolle gewöhnt. Der Jugendliche ist im Alter von 14 Jahren aus seiner Heimat geflohen. 14 Monate war er unterwegs. „Davon habe ich mehr als zehn Monate in einem griechischen Gefängnis gesessen“, erzählte er.

Die Schüler sind berührt. Sie erleben hautnah, dass hinter den unterschiedlichen Flüchtlingsschicksalen immer ein Mensch steckt. „Bist du auch geschlagen worden?“, wollte eine Schülerin aus dem Publikum wissen. „Ich habe keine Schläge bekommen“, sagte Mahdi, der 2015 nach Deutschland kam. In Stuttgart hat der junge Afghane Fuß gefasst und seinen Hauptschulabschluss gemacht. „Mit der Note 1,0“, sagt der bescheidene Junge erst auf Nachfrage seiner Schauspielerkollegin Kathrin Hildebrand. Sein nächstes Ziel: „Ich werde an der Berufsfachschule meine mittlere Reife machen.“ Seine Traumberufe sind Architekt oder Elektroingenieur. Sein größter Wunsch aber ist es, irgendwann einmal in seine Heimat zurückkehren zu können. „Wenn es dort einmal wieder friedlich ist, möchte ich meinem Land helfen.“ Gestern Abend wurde das sozio-kulturelle Projekt „Mit Sicherheit gut ankommen“ im „Hafen 55“ mit einem Begleitprogramm mit Musik und Redebeiträgen von Migranten und Aktiven der Gruppe „Willkommenskultur Weener“ eröffnet. Die OZ wird in der Donnerstagsausgabe ausführlich darüber berichten.

Quelle: Ostfriesen-Zeitung vom 16.08.2017 (http://oz-online.de/)